Die Landschaft als sprechender, mit Bedeutung aufgeladener Raum ist ein Bezugspunkt, zu dem Cyrill Lachauer (* 1979 in Rosenheim, DE) in seinem fotografischen und filmischen Werk immer wieder zurückkehrt. Mit ausgeprägtem Gespür für historische und politische Zusammenhänge bereiste Lachauer über Jahre hinweg die USA, Mexiko und Bosnien. Die Ausstellung The Sunset Route im Kunstpalais versammelt Arbeiten, die zwischen 2020 und 2025 entstanden sind und in Form einer poetischen (Auto-)Ethnografie drängende Fragen behandeln: nach Freiheit, Selbstbestimmtheit und Widerständigkeit, aber auch Kolonisation, Ausgrenzung und Ausbeutung.
Der Titel The Sunset Route bezieht sich auf die gleichnamige, über 3.000 Kilometer lange Eisenbahnstrecke, die ganz im Süden der USA das Landesinnere mit der Pazifikküste verbindet. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts reisen Hobos (Wanderarbeiter) und andere "transient people" (Menschen ohne festen Wohnsitz) auf dieser und anderen Routen auf Güterzügen durch Nordamerika. Lachauer begann 2019 selbst als "train hopper", das Land zu durchqueren. Aus dieser Phase entwickelte sich das Filmprojekt Slack, an dem Lachauer mit dem US-Fotografen Mike Brodie von 2022 bis 2025 arbeitete. Die Arbeit setzt Brodies verstorbener Partnerin Mia Justice Smith alias Slack ein Andenken, das zugleich sinnbildlich für eine durch die Fentanyl-Krise, soziale Medien und persönlichen Freiheitsdrang geprägte Generation steht. Zum Kosmos von Slack gehören die beiden neuen und erstmalig gezeigten Kurzfilme The Prologue (Cyrill Lachauer in Zusammenarbeit mit Rhyw) und The Epilogue (in Zusammenarbeit mit Mouse Green und Moritz Stumm). Sie erweitern das Eisenbahnmotiv durch industrielle Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus in Bosnien und die unter großen Gefahren stattfindende Migration aus Mexiko in die USA.
Die Ausstellung vermittelt ebenfalls einen vertieften Einblick in Lachauers fotografisches Werk. Die umfangreichen Serien Cardboard & Copenhagen und Birds (Nat. Geo. 1989 – 1999) basieren auf unterschiedlichen Konzepten und spielen mit einer je ganz eigenen Ästhetik. Cardboard & Copenhagen wurde ausschließlich mit Wegwerfkameras aufgenommen und gibt entsprechend wie beiläufig Momente aus dem Leben auf den Güterzügen wieder – ständig unterwegs und nur vorübergehend auf Unterlagen aus isolierender Pappe zur Ruhe kommend. Für die Birds-Serie collagierte Lachauer Landschaftsaufnahmen aus einer Dekade des Magazins National Geographic zu abstrahierten Vogel-Figuren. Sie dokumentieren Schönheit und zerstörerischen Niedergang von Landschaften, verkörpern zugleich aber auch Symbole der Hoffnung und des Widerstands.
Die Kunstwerke Lachauers, die häufig aus mehreren Elementen bestehen, sind in den Räumen des Kunstpalais ortsspezifisch neu arrangiert. Darin spiegelt sich die Arbeitsweise des Künstlers wider, mit Orten zu „kommunizieren“, mit ihrer Beschaffenheit und der Spiritualität von Personen und Objekten, die diese Orte bevölkern, in einen Dialog zu treten und nicht sich anzumaßen, „über“ sie zu sprechen.
Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit der Sammlung Goetz in München mit dem Kunstpalais Erlangen und wird kuratiert von Susanne Touw und Malte Lin-Kröger.
Vernissage: 19.06.2026