Q & A mit Jianling Zhang

Was wäre, wenn Frauen die Fähigkeit hätten, sich ohne Partner fortzupflanzen? Eine Horrorvision? Oder ein Paradies ohne Männer? Die chinesische Künstlerin Jianling Zhang hat sich in ihrer Installation mit dieser Frage beschäftigt. In unserem Q & A berichtet sie über die Genese des filmischen Projekts.
 

Im letzten Jahr hast du dich mit deinem Projektvorschlag The First and Final Girl für den Medienkunstpreis der Kunststiftung Ingvild und Stephan Goetz beworben. Die Auszeichnung war mit 5.000 Euro für die Realisierung einer neuen Arbeit verbunden. Jetzt ist die fertige 3-Kanal-Filminstallation ist noch bis 21.9. in der AkademieGalerie zu sehen. Worum geht es in der Arbeit?

Der Vorschlag geht auf mein Interesse an der Fortpflanzungsfähigkeit von Frauen zurück, insbesondere auf die damit verbundene Forschung zur Parthenogenese (der Fähigkeit, aus unbefruchteten Eiern Nachkommen zu erzeugen). Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das bei wirbellosen Tieren auftritt und zunehmend auch bei normalen sexuellen Wirbeltieren zu finden ist. In dieser Arbeit versuche ich, es als eine existenzielle Situation zu visualisieren: Wenn wir genau das gleiche genetische Material wie unsere Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin erben und weitergeben, wie verändert das unsere Wahrnehmung von Zeit, Identität und Körper? Die Figuren befinden sich irgendwo in der Zukunft, sie bewegen sich durch verschiedene Räume, arbeiten, spielen, erforschen und teilen ihre Entdeckungen. Ihre Handlungen werden jedoch durch Wiederholungen und Unterbrechungen ständig neu definiert. Dank der Anregung von Dop Lara Fritz haben wir jede Einstellung so gefilmt, als ob es sich um ein Schwarz-Weiß-Foto mit starkem Blitzlicht handelt. Wenn jedes Foto als eingefrorener Moment betrachtet wird, fand ich es interessant, in drei Kanälen zu synchronisieren, was im und außerhalb des Bildes ist, was vor und nach dem Betätigen des Auslösers passiert.

An welchen Orten hast du gedreht?

Kinderhaus "Die Sternschnuppen", Sportschule Oberhaching und Kompetenzzentrum Demenz München, wo die Körper lernen, üben und am Ende vergessen, wie man Wissen und Erinnerung speichert, sich miteinander verbinden und austauschen. Wir haben an jedem Ort einen Tag gefilmt. Ich habe versucht, die Gemeinsamkeiten zwischen den Orten einzufangen und sie mit Performances zu überbrücken, so dass sich die Lebensabschnitte überlagern und die Grenzen zwischen den Orten verwischen.

Wer sind die Protagonist*innen in deinem Film und wo hast du sie gefunden?

Barbara Altmann, Gabi Geist, Esther Straimer, Eva Tomanke spielten die Rolle von "Betreuerinnen", die in einer unbekannten Einrichtung zu arbeiten scheinen. Ich fand das Theater "Die Runde 70" (Retro-Avantgard-Theater von älteren, aber nicht nur für ältere Menschen) im Internet und nahm Kontakt mit Barbara und Esther auf, die mir Evi und Gabi vorstellten. Ihre genialen Einfälle und Improvisationen haben Leichtigkeit und Verspieltheit in den Drehprozess gebracht. Manchmal war es mehr wie PingPong spielen als wie Regie führen. Das war ein Riesenglück, für das ich sehr dankbar bin.

Wie verlief die Zusammenarbeit?

Neben der Zusammenarbeit mit den Schauspielerinnen haben die kreativen Impulse und die Unterstützung meiner Künstlerfreunde (Yuchu Gao, Haha Wang, Bokyoung Jeong, Danni Chen, Chaeeun Lee) dieses Projekt möglich gemacht. Dank ihrer Mitwirkung war der Prozess des Filmens ein produktives Miteinander und kein hochgradig zielgerichteter Produktionsprozess. Sie haben die Drehtage in eine temporäre, aber lebendige Gemeinschaft verwandelt, in der sich die Fähigkeiten aus verschiedenen künstlerischen Medien getroffen haben und miteinander interagieren konnten.

In diesem Jahr wird der Medienkunstpreis der Kunststiftung Ingvild und Stephan Goetz zum zweiten Mal ausgeschrieben. Welche Empfehlungen kannst du den zukünftigen Bewerber*innen  geben?

Es gibt unzählige Möglichkeiten, dieselbe Geschichte zu erzählen, und ebenso viele Abzweigungen, um den Projektentwurf zu verwirklichen. Nehmt die Ungewissheiten auf dem Weg in Kauf und vergesst nicht, von Zeit zu Zeit in die Mitte des Irrgartens zurückzukehren.

zur Ausstellung